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Deine Stimme. Deine Geschichte.

Jede Krebserkrankung ist individuell. Mit „Deine Stimme. Deine Geschichte.“ möchten wir genau diesen persönlichen Erfahrungen Raum geben – auch den Themen, die in medizinischen Gesprächen oder klassischen Informationsangeboten manchmal wenig Platz finden. Der Angst vor der nächsten Untersuchung. Dem Gefühl, plötzlich nicht mehr am normalen Leben teilzunehmen. Veränderungen von Freundschaften. Dem eigenen Körpergefühl. Finanziellen Sorgen. Nähe und Sexualität. Dem Lernen, Hilfe anzunehmen. Und den kleinen Dingen, die in einer schweren Zeit plötzlich sehr groß werden können. Denn eine Diagnose betrifft nicht nur einen Körper. Sie betrifft einen Menschen und sein Leben. 

Hinweis: Dieses Interview gibt die persönlichen Erfahrungen von Alex Burger wieder. Untersuchungen, Behandlungsentscheidungen, Nachsorge und genetische Fragestellungen sind individuell. Persönliche Erfahrungen ersetzen keine medizinische Beratung. Bei Fragen zur eigenen Situation sollten Betroffene sich an ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise geeignete Fach- und Beratungsstellen wenden.

Alexandra Burger über ihre Brustkrebserkrankung, die Zeit der Therapie und das Leben danach

Alexandra Burger war 42 Jahre alt, als bei ihr 2016 Brustkrebs diagnostiziert wurde. Sie war alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern, hatte beruflich gerade neu angefangen und stand mitten im Leben. Im Gespräch erzählt sie offen von den ersten Momenten nach der Diagnose, von Operation, Chemotherapie und Bestrahlung, vom Verlust ihrer Haare und von einem Körper, der plötzlich nicht mehr derselbe war. Sie spricht über Ängste, Freundschaften und finanzielle Sorgen, darüber, wie schwer es sein kann, Hilfe anzunehmen – aber auch über Menschen, die genau im richtigen Moment da waren, über Humor in schweren Zeiten, ihren Glauben und die Dankbarkeit, die heute viele kleine Momente ihres Alltags begleitet.

„Ich weiß den Tag noch ganz genau.“ 

Alex, erinnerst du dich noch an den Moment, in dem du zum ersten Mal gemerkt hast, dass etwas nicht stimmt? 

Alexandra: Ja. Den Tag weiß ich noch ganz genau: Es war der 20. Juli 2016. Ich saß mit einem Freund auf der Vogelsburg. Wir haben etwas getrunken und die Aussicht genossen. Eigentlich war alles ganz normal. Und plötzlich habe ich gesagt: „Irgendwas sticht in meiner Brust.“ Ich habe automatisch angefangen zu tasten und gemerkt, dass sich da etwas hart anfühlte. Zunächst habe ich mir aber noch nicht viel dabei gedacht. Am nächsten Tag kam mir die Idee, eine Freundin anzurufen, die Ärztin ist. Ich dachte: Vielleicht kann sie schnell einen Ultraschall machen, dann weiß ich Bescheid und alles ist gut. Ich war wenige Monate vorher noch bei einer Untersuchung gewesen. Deshalb hatte ich überhaupt nicht damit gerechnet, dass etwas Ernstes sein könnte. 

Wie ging es in der Praxis weiter?

Alexandra: Ich war völlig unbeschwert. Es war mein Geburtstag, ich wollte größer feiern. Ich hatte beruflich gerade neu angefangen, arbeitete in der Patientenaufnahme und war sehr glücklich darüber. Nach der Trennung von meinem damaligen Mann hatte ich das Gefühl, langsam wieder richtig Fuß zu fassen. Es ging mir gut. Die Kontrolle wollte ich nur kurz hinter mich bringen. Doch dann begann meine Freundin mit dem Ultraschall. Sie fuhr immer wieder über dieselbe Stelle. Irgendwann bemerkte ich, dass ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Ich fragte: „Warum weinst du denn jetzt?“ Und sie sagte: „Warum kommst du jetzt erst?“ Ich antwortete: „Weil ich doch erst im März hier war. Da war nichts.“ Sie konnte mir in diesem Moment noch keine Diagnose geben. Aber sie sagte, dass sie etwas sehe, das ihr nicht gefalle, und schickte mich direkt zur Mammografie. 

Hattest du da schon das Gefühl, dass es ernst sein könnte? 

Alexandra: Die Situation fühlte sich unwirklich an. Nach der Mammografie bin ich mit den Bildern wieder zurückgegangen. Obwohl ich mich medizinisch natürlich nicht auskannte, habe ich selbst gesehen: Auf einer Seite war etwas Weißes mit Ausläufern, fast wie die Strahlen einer Sonne. Ich dachte nur: Ich weiß nicht, ob das etwas Gutes ist. Dann wurde sehr schnell eine Biopsie organisiert. Gewebe wurde entnommen und zur Untersuchung geschickt. Und dann begann das Warten. 

 

Die Diagnose

Wie hast du die Tage erlebt, in denen du auf den Befund gewartet hast?

Alexandra: Ganz schlimm. Dieses Wochenende war für mich fast nicht auszuhalten. Man weiß noch nichts sicher und spürt gleichzeitig schon, dass etwas nicht stimmt. Dann fängt der Kopf an zu arbeiten. Ich hatte plötzlich Begriffe gehört wie Tumor, Port oder Chemotherapie und wusste eigentlich gar nicht genau, was das alles bedeutet. Ich hatte mich vorher nie intensiv damit beschäftigt. Und dann macht man einen Fehler, den wahrscheinlich viele machen: Man beginnt zu googeln. Ich habe Dinge gelesen, die mir überhaupt nicht geholfen haben. Im Gegenteil: Die Angst wurde immer größer. Am Montag rief ich an – der Befund war noch nicht da. Am Dienstag wieder: noch nichts. Ich habe in dieser Zeit sogar noch gearbeitet, aber innerlich war ich völlig aufgewühlt. Irgendwann habe ich gesagt: Heute gehe ich nicht mehr weg, bevor ich weiß, was los ist. Dann kam der Befund. Erinnerst du dich daran, was dir gesagt wurde? Alexandra: Sehr genau. Der Arzt sagte mir, dass es schlechter aussehe als zunächst gehofft. Es sei ein bösartiger Tumor, ein G3-Tumor, und man müsse jetzt schnell handeln. Ich bin ihm in die Arme gefallen und habe gesagt: „Ich will doch noch nicht sterben.“ Das war tatsächlich mein erster Gedanke. Ich war 42 Jahre alt, meine Kinder waren noch jung und ich war alleinerziehend. In meinem Kopf war sofort alles gleichzeitig da: Was wird aus meinen Kindern? Wer kümmert sich um sie? Was passiert mit meiner Mutter? Wie soll das alles funktionieren? Es war ein Wirrwarr aus hundert Fragen. 

Wie hat sich das für dich angefühlt? 

Alexandra: Für mich fühlte es sich an, als wäre mein Leben vorbei. Ich wollte einfach aus dieser Praxis rausgehen, zurück an meinen Arbeitsplatz und so tun, als wäre nie etwas gewesen. Ich dachte: Das kann nicht sein. Es kann doch nicht sein, dass ich jetzt einen Tumor habe. War die Angst zu sterben von Anfang an sehr präsent? Alexandra: Extrem. Ich weiß noch, wie ich im Auto saß und dachte: Jetzt stirbst du mit 42 Jahren. Mein Vater war zuvor an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorben. Meine Mutter hatte das alles schon mit ihm erlebt. Deshalb wusste ich auch, wie schlimm diese Nachricht für sie sein würde. Diese ersten Tage waren geprägt von Angst, Nichtwissen und dem Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. 

 

„Ich bin jetzt Ihr Lotse.“

Gab es in dieser ersten Orientierungslosigkeit jemanden, der dir besonders viel Sicherheit gegeben hat?

Alexandra: Ja. Und ein Satz ist mir bis heute geblieben. Mein Arzt sagte zu mir: „Ich bin jetzt Ihr Lotse. Wir gehen gemeinsam durch diese Erkrankung.“ Das war für mich unglaublich wichtig. Nach einer Krebsdiagnose bekommst du plötzlich aus allen Richtungen Informationen. Jeder kennt jemanden. Jeder hat etwas gehört. Manche empfehlen zusätzliche Behandlungen oder erzählen von Dingen, die bei anderen funktioniert haben sollen. Und du selbst bist in diesem Moment völlig überfordert. Deshalb war diese klare Aussage so hilfreich: Wir besprechen die Behandlung gemeinsam. Ich habe einen Ansprechpartner. Da ist jemand, dem ich vertrauen kann. Dieses Gefühl, einen „Lotsen“ zu haben, hat mir enorm viel Sicherheit gegeben. Wie ging dein Arbeitgeber mit der Diagnose um? Alexandra: Mein Arbeitgeber war großartig und dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Ich hatte meine Stelle noch gar nicht lange und war dort sehr glücklich. Als ich meinem Arbeitgeber sagte, dass ich Brustkrebs habe und zunächst nicht arbeiten kann, war das natürlich ein Schock. Aber statt mich damit allein zu lassen, sagte er sofort, dass er sich kümmern und einen Kontakt zu einem Spezialisten beziehungsweise einem Brustzentrum herstellen würde. Innerhalb weniger Tage hatte ich dort einen Vorstellungstermin. Das war unglaublich. 

Hattest du Sorge, dadurch zwischen verschiedenen Ärzten entscheiden zu müssen? 

Alexandra: Nein, weil ich jeden Schritt weiterhin mit meinem bisherigen Arzt besprochen habe. Dieses Vertrauen war mir sehr wichtig. Er erklärte mir auch, warum er mir ebenfalls dazu raten würde, mich im spezialisierten Brustzentrum operieren zu lassen. Ich hatte dadurch nie das Gefühl, mich zwischen Ärztinnen oder Ärzten entscheiden zu müssen. Im Gegenteil: Sie haben miteinander gearbeitet und geschaut, was für mich am besten ist. Das war ein großes Glück.

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Die Operation

Wie lang hat es von der Diagnose bis zur Operation gedauert? 

Alexandra: Es ging unglaublich schnell. Zunächst wurde mit weiteren Untersuchungen geschaut, ob und wie weit die Erkrankung fortgeschritten war. Es folgten verschiedene bildgebende Untersuchungen und Untersuchungen der Lymphknoten. Dann durfte ich noch einmal nach Hause und wenige Tage später wurde ich stationär aufgenommen. Vor der Operation musste ich unterschreiben, dass im notwendigen Fall auch die Brust entfernt werden dürfte. 

Was ging dir dabei durch den Kopf? 

Alexandra: In diesem Moment war mir das vollkommen egal. Ich dachte nur: Wenn es sein muss, dann nehmt sie ab. Hauptsache, der Krebs ist weg. Das Aussehen war für mich in diesem Moment überhaupt nicht wichtig. Ich wollte leben. Weißt du noch, wie du dich direkt nach der Operation gefühlt hast? Alexandra: Als ich aufwachte, kam der Professor zu mir ans Bett und sagte, dass alles gut gegangen sei und der Tumor entfernt werden konnte. Auch Lymphknoten wurden entfernt. Bei mir war der Wächterlymphknoten betroffen, deshalb wurden weitere betroffene beziehungsweise angrenzende Lymphknoten entnommen. Für mich war zunächst nur entscheidend: Die Operation ist vorbei. Der Tumor ist raus. 

Und kurz danach ging die Behandlung schon weiter? 

Alexandra: Ja. Ich war einige Tage im Krankenhaus und kam anschließend wieder nach Hause beziehungsweise zurück zu meinem behandelnden Arzt. Dann hieß es: Jetzt geht es weiter. Der Port wurde gelegt und kurz darauf begann die Chemotherapie. Es gab praktisch keine längere Pause zwischen den einzelnen Schritten. Im Rückblick sage ich manchmal: Das lief alles wie an einer Schnur. Zwischen Diagnose und Operation lagen bei mir nur ungefähr zwei Wochen. Am 22. Juli begann diese ganze Geschichte und Anfang August lag ich bereits auf dem Operationstisch. Ich weiß, dass das nicht immer so schnell gehen kann. Für mich war es damals aber eine große Hilfe, weil ich nicht wochenlang auf den nächsten Schritt warten musste. 

Die Chemotherapie

 

Erinnerst du dich noch an deine erste Chemotherapie?

Alexandra: Sehr genau. Es war im September 2016. Ich stand morgens mit meiner Tasche draußen und wartete auf das Taxi. Alles fühlte sich völlig surreal an. Dann kommst du dort an, dir wird Blut abgenommen, der Port wird angestochen, du sitzt auf diesem Sessel und irgendwann heißt es: „Jetzt geht es los.“ Ich schaute auf die Infusion und dachte: Lieber Gott, lass das helfen. Ich stellte mir vor, dass diese Medikamente jetzt durch meinen gesamten Körper fließen und alles mitnehmen, was dort nicht hingehört. Das war meine Art, damit umzugehen. 

Wie hast du die Chemotherapie körperlich erlebt? 

Alexandra: Bei einem der Medikamente erinnere ich mich noch genau an die rötliche Flüssigkeit. Kurz danach hatte ich einen metallischen Geschmack im Mund, mir wurde übel und mein Magen fühlte sich völlig anders an. Insgesamt dauerte die Behandlung mehrere Stunden. Danach ging es mit dem Taxi nach Hause. Und ungefähr zwei Stunden später dachte ich: So schlecht ging es mir in meinem ganzen Leben noch nicht. 

Wie lange hielten diese starken Nebenwirkungen an? 

Alexandra: Bei den ersten besonders starken Chemotherapien ging es mir ungefähr vier Tage lang sehr schlecht. Mir war permanent übel, ich hatte immer einen Eimer bei mir. Teilweise kam auch der Hausarzt zu mir. Gerüche konnte ich überhaupt nicht ertragen. Keine Kochgerüche, keine schweren Düfte. Ich wollte eigentlich nur frische, klare Luft. Auch mein eigener Körpergeruch war für mich verändert. Die ganze Behandlung hat man körperlich gespürt. Nach ungefähr vier Tagen wurde es langsam besser. Dann kam ich Stück für Stück wieder zu mir und hatte noch etwa eineinhalb Wochen, bevor die nächste Chemotherapie anstand. 

 

Gab es Momente, in denen du dachtest: Ich schaffe das nicht? 

Alexandra: Ja. Nach der ersten Chemotherapie bin ich zu meinem Arzt gegangen und habe gesagt: „Wenn die nächsten drei genauso werden, weiß ich nicht, ob ich das schaffe.“ Er sagte mir sehr klar: Es wird Ihnen wahrscheinlich wieder nicht gut gehen. Aber Sie schaffen das. Und dann dachte ich: Augen zu und durch. 

Wie hast du die Behandlung in deinen Alltag mit deinen Kindern integriert? 

Alexandra: Die ersten vier starken Chemotherapien fanden ungefähr alle drei Wochen statt. Ich habe sie bewusst montags gemacht. Ich hoffte immer, dass ich bis zum Wochenende wieder so weit auf den Beinen bin, dass ich für meine Kinder da sein konnte. Nach jeder Chemotherapie wurde es körperlich schwieriger. Nach der vierten Behandlung war ich wirklich an einem Punkt, an dem ich dachte: Ich kann nicht mehr. Mein Körper fühlte sich plötzlich an wie der eines sehr alten Menschen. Ich war schwach und müde. Meine Knochen taten weh, eigentlich schmerzte der ganze Körper. Mein Mund war durch die Therapie sehr empfindlich und wund, auch meine Finger und Fingernägel waren betroffen. Es war einfach viel. 

Gab es etwas, was dir geholfen hat, durchzuhalten? 

Alexandra: Ich habe mir einen Kalender gemacht. Ich brauchte etwas, woran ich sehen konnte: Es geht vorwärts. Deshalb habe ich jeden Tag abgestrichen. Ein Tag geschafft. Noch ein Tag geschafft. Das klingt vielleicht banal, aber dieser sichtbare Fortschritt hat mir geholfen. Wenn man mitten in so einer Behandlung steckt, wirkt ein halbes Jahr unendlich lang. Und irgendwann war dieses halbe Jahr geschafft. Das war für mich gigantisch. Nach den besonders starken Chemotherapien kamen weitere Behandlungen, die ich etwas besser vertragen habe. Da waren für mich vor allem Müdigkeit und Knochenschmerzen ein Thema. Aber irgendwann konnte ich sagen: Die Chemotherapie ist vorbei. 

Als die Haare ausfielen

Der Haarverlust ist für viele Menschen ein sehr emotionaler Moment. Wie war das bei dir?

Alexandra: Nach der zweiten Chemotherapie war ich mit meiner Mutter draußen. Wir sind oft spazieren gegangen, wenn ich körperlich dazu in der Lage war. Man hatte mir gesagt, dass Bewegung und frische Luft guttun könnten, und meine Mutter hat mich immer wieder motiviert. An diesem Tag griff ich mir durch die Haare – und plötzlich hatte ich einen ganzen Büschel in der Hand. Ich sagte nur: „Oh Gott, guck dir das an.“ Ich wollte sofort nach Hause. Überall lagen plötzlich Haare. Im Haus, auf der Kleidung, überall. Für mich war das furchtbar. Irgendwann habe ich gesagt: Die Haare müssen jetzt ab. Ein Freund hat mir geholfen und sie abrasiert. 

Hast du dich für oder gegen eine Perücke entschieden? 

Alexandra: Mir war schnell klar, dass ich eine Perücke will. Meine Kinder waren damals 13 und 15 Jahre alt. Für sie war die Situation natürlich ebenfalls schwierig. Ich wollte zum Beispiel zu Elternabenden gehen oder mich einigermaßen normal im Alltag bewegen können. Meine Mutter sagte: Wenn wir eine Perücke nehmen, dann eine, mit der du dich wirklich wohlfühlst. Also sind wir in ein Perückenstudio gegangen und haben eine hochwertige Perücke ausgesucht. Die Krankenkasse übernahm einen bestimmten Betrag, den Rest haben wir selbst dazugezahlt. Für mich war das eine gute Entscheidung. Diese Perücke hat mir Normalität gegeben. 

Und irgendwann konntest du sogar Humor darin finden. 

Alexandra: Ja. Ich war einmal einkaufen und jemand sagte zu mir: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie eine ganz tolle Frisur haben?“ Und ich dachte: Wenn du wüsstest. Gesagt habe ich: „Ich habe schließlich einen Designerfriseur.“ Solche Situationen haben mir gutgetan. Ich habe versucht, mir meinen Humor zu bewahren. Natürlich geht das nicht an jedem Tag. Wenn es einem körperlich richtig schlecht geht, ist einem nicht nach Witzen zumute. Aber an den besseren Tagen wollte ich lachen. 

Gibt es etwas, was dir besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Alexandra: Ja. Nachts habe ich am Kopf oft gefroren. Deshalb trug ich manchmal ein rotes Tuch beziehungsweise eine rote Kopfbedeckung. Irgendwann hat meine Tochter sich auch ein rotes Tuch aufgesetzt und wir haben gemeinsam ein Foto gemacht. Dieses Bild liebe ich bis heute. Das waren diese Momente, in denen trotz allem etwas Schönes entstanden ist. 

Wenn sich der eigene Körper verändert

Die Chemotherapie setzt dem Körper zu – welche Veränderungen gab es neben dem Haarausfall?

Alexandra: Bei mir gingen auch Augenbrauen, Wimpern und Körperhaare aus. Gerade die fehlenden Wimpern fand ich schlimm. Ich schaute in den Spiegel und dachte: Du siehst so nackt aus. Man erkennt sich teilweise selbst nicht wieder. Später habe ich mir die Augenbrauen tätowieren lassen, weil sie nur sehr wenig zurückgekommen sind. Aber in dieser Zeit geht es um viel mehr als Haare. Die Haut verändert sich, man fühlt sich körperlich nicht wohl. Gleichzeitig wird man ständig untersucht, muss sich ausziehen und die Brust zeigen. Irgendwann empfindest du deinen Körper gar nicht mehr als etwas Privates. 

Das hört sich schwierig an. Wie war das für dich? 

Alexandra: Ja. Darüber wird vielleicht gar nicht so viel gesprochen. Die Brust ist ein sehr intimer Bereich. Und während einer Brustkrebsbehandlung heißt es ständig: Machen Sie sich bitte oben frei. Beim Ultraschall, vor der Operation, bei den Bestrahlungen, bei Untersuchungen. Natürlich weiß man, dass es medizinisch notwendig ist. Aber trotzdem macht es etwas mit einem. Gerade in einer Zeit, in der man ohnehin empfindlich ist, seine Haare verliert, sich die Haut verändert und man sich körperlich überhaupt nicht wohlfühlt. 

Gab es eine Situation, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist? 

Alexandra: Ich erinnere mich an eine Untersuchung vor der Operation. Ich sollte mich oben frei machen und mich auf ein Untersuchungsgerät legen. Die Tür war offen und es waren männliche Mitarbeiter im Raum. Ich lag dort und dachte nur: Hoffentlich kommt jetzt niemand herein. Dann kam eine Pflegekraft beziehungsweise Schwester und sagte sofort sinngemäß: „Wie haben die Sie denn hier hingelegt?“ Sie holte mir ein Tuch. Ich war ihr dafür so dankbar. Es war nur ein Tuch. Aber in diesem Moment bedeutete es Würde und Schutz. Solche Kleinigkeiten sind wichtig. 
 

Ein Kosmetikkurs, der viel mehr war als Schminken

Hast du Wege gefunden, mit diesen körperlichen Veränderungen umzugehen?

Alexandra: Ja, besonders geholfen hat mir ein Kosmetikkurs für Frauen mit Krebs. Den kann ich wirklich nur empfehlen. Ich dachte zunächst: Schminken? Das ist doch überhaupt nicht mein Thema. Ich kann mich nicht besonders gut schminken und wusste gar nicht, ob ich da hinwill. Aber dann habe ich es ausprobiert. Wir saßen ungefähr zu zehnt an einem Tisch. Jede hatte einen Spiegel und ihre eigenen Produkte. Viele haben ihre Perücke abgenommen. Dann wurde uns ganz in Ruhe gezeigt, wie wir unsere Haut pflegen können und wie man beispielsweise fehlende Augenbrauen optisch nachzeichnet. Wir bekamen hochwertige Produkte, die für die empfindliche Haut während der Behandlung geeignet waren. 

Was war für dich daran so wertvoll? 

Alexandra: Eigentlich war gar nicht die Kosmetik das Wichtigste. Das Entscheidende war dieses Gefühl. Wir saßen dort, haben ausprobiert, miteinander gelacht und uns am Ende im Spiegel angeschaut. Ich bin aus diesem Kurs herausgegangen und habe mich plötzlich wieder ein bisschen schön gefühlt. Das hat unheimlich viel mit meinem Selbstbewusstsein gemacht. Ich habe noch ein Foto aus dieser Zeit: mit kahlem Kopf und geschminkt. Dieses Bild liebe ich. Wenn ich heute eine Frau treffe, die eine Chemotherapie bekommt und von so einem Angebot hört, sage ich oft: Probier es aus. Du musst überhaupt kein Mensch sein, der sich normalerweise viel schminkt. Es geht um viel mehr. Es geht darum, sich einmal wieder um sich selbst zu kümmern. 

Mutter sein während der Erkrankung

Du bist Mutter, deine Kinder waren Jugendliche, als du erkrankt bist. Wie hast du mit ihnen über die Erkrankung gesprochen?

Alexandra: Das war sehr schwierig. Meine Kinder wollten natürlich hören: „Mama, du wirst wieder gesund.“ Aber das konnte und wollte ich ihnen nicht einfach versprechen. Ich habe immer gesagt: „Ich mache alles dafür, wieder gesund zu werden.“ Das war das, was ich ihnen ehrlich sagen konnte. Ich wollte ihnen Sicherheit geben, aber keine falschen Versprechen machen. Und ich wollte möglichst für sie da sein. Deshalb habe ich zum Beispiel versucht, meine Chemotherapien so zu legen, dass es mir zum Wochenende wieder etwas besser ging. Natürlich funktionierte das nicht immer. Aber dieser Gedanke war mir wichtig. 

Wie habt ihr den Alltag organisiert, wenn es dir sehr schlecht ging? 

Alexandra: Freundinnen haben sich um meine Kinder gekümmert. Mein Sohn konnte beispielsweise zu Freunden. Andere haben gekocht oder Dinge für uns erledigt. Das war eine riesige Unterstützung. 

War es für dich leicht, diese Hilfe anzunehmen?

Alexandra: Nein. Das musste ich erst lernen. Ich komme aus einer Generation beziehungsweise einem Elternhaus, in dem es eher hieß: Man macht alles selbst. Man bittet nicht ständig um Hilfe. Und ich war genauso. Ich wollte alles selbst schaffen. Während meiner Erkrankung musste ich lernen zu sagen: „Kannst du mir helfen?“ Das fiel mir sehr schwer. Und noch schwieriger fand ich manchmal, Hilfe einfach anzunehmen, ohne sofort zu denken: Jetzt muss ich etwas zurückgeben. Auch das musste ich lernen: Jemand darf mir etwas Gutes tun, ohne dass ich sofort eine Gegenleistung bringen muss. 

Was das Umfeld richtig – und falsch – machen kann

Wie haben Freundinnen, Freunde und Bekannte auf deine Erkrankung reagiert?

Alexandra: Ich habe sehr viel Positives erlebt. Menschen haben für meine Kinder gekocht. Jemand hat am Wochenende einen Kuchen mit einer Karte vor die Tür gestellt. Ich habe unglaublich viele Briefe und Karten bekommen. Diese Karten habe ich heute noch. Eine ganze Kiste voll. Während meiner Behandlung standen viele davon bei mir zu Hause. Da waren Engel, kleine Geschenke und Nachrichten. Manchmal stand da einfach nur: „Ich denke an dich.“ Oder: „Alles Gute.“ „Viel Kraft.“ Für mich war das wunderschön. Es musste gar nichts Großes sein. Auch Nachrichten wie „Ich gehe einkaufen, soll ich dir etwas mitbringen?“ waren hilfreich. 

Gab es auch Reaktionen, die dir wehgetan haben? 

Alexandra: Ja. Manche Menschen sagten Dinge wie: „Ich kenne auch jemanden, der Brustkrebs hatte. Die ist dann ein Jahr später gestorben.“ Und ich dachte nur: Genau das brauche ich jetzt. Ich glaube gar nicht, dass Menschen damit verletzen möchten. Häufig ist es Unsicherheit. Man weiß nicht, was man sagen soll, und erzählt dann irgendeine Geschichte, die einem einfällt. Aber als Betroffene ist das schwer auszuhalten. 

Gab es bestimmte Sätze, die du ebenfalls schwierig fandest? 

Alexandra: Zum Beispiel: „Du siehst aber gut aus.“ Ich habe während der Chemotherapie tatsächlich nicht besonders viel Gewicht verloren. Mein Körper war relativ stabil, was medizinisch natürlich gut war, und im Gesicht sah ich teilweise wirklich gesund aus. Aber ich konnte diesen Satz manchmal nicht hören. Denn innerlich fühlte es sich völlig anders an. Außen siehst du vielleicht gut aus – aber innen bist du erschöpft, hast Angst oder dir ist schlecht. Das passt nicht zusammen. 

Was würdest du Menschen im Umfeld stattdessen empfehlen? 

Alexandra: Sei einfach du selbst. Frag mich. Sprich mit mir. Und wenn ich gerade nicht darüber sprechen möchte, sage ich das. Man muss sich nicht plötzlich verstellen, nur weil jemand Krebs hat. Und ganz wichtig: Ein Nein akzeptieren. Ich hatte Tage, an denen ich keinen Besuch wollte. Nicht, weil ich die Menschen nicht mochte, sondern weil es mir einfach schlecht ging. Manchmal wollte eine Freundin unbedingt kommen und konnte nicht verstehen, dass ich sagte: Heute geht es nicht. Wenn du krank bist, brauchst du Menschen, die deine Grenzen respektieren. 

Hat die Erkrankung deinen Blick auf Freundschaften verändert? 

Alexandra: Sehr. Ich habe in dieser Zeit deutlich gemerkt, welche Beziehungen mir guttun und welche nicht. Eine Freundin, mit der ich vorher sehr eng war, sagte mir nach meiner Diagnose sinngemäß, dass sie damit gerade nicht umgehen könne und lieber Abstand halten wolle, bis es mir besser gehe. Das hat mich verletzt. Ich dachte: Eine Schönwetterfreundschaft brauche ich nicht. Danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Auf der anderen Seite habe ich umso deutlicher erlebt, wer wirklich da war. Wer geschrieben hat. Wer angerufen hat. Wer meine Kinder genommen hat. Wer gesagt hat: Ich kaufe für dich ein. Wer eine Karte geschickt hat. So eine Erkrankung verändert Beziehungen.

Plötzlich vom normalen Leben abgeschnitten

Wie hat es sich angefühlt, plötzlich aus deinem normalen Alltag herauszufallen?

Alexandra: Das war für mich unglaublich schwierig. Es fühlt sich an, als würde jemand einen Knopf drücken und dich ausschalten. Alle anderen gehen morgens zur Arbeit. Sie haben ihren Alltag, treffen Menschen. Und du bist plötzlich raus. Raus aus dem Beruf. Raus aus vielen sozialen Dingen. Raus aus deinem bisherigen Leben. Ich habe teilweise gedacht: Was kann ich denn überhaupt noch? Was bin ich überhaupt noch wert? Mein Selbstwertgefühl hat darunter gelitten. Ich war vorher jemand, der viel gemacht hat. Ich habe gearbeitet, organisiert, geholfen. Und plötzlich kannst du vieles nicht mehr. Das war für mich psychisch sehr schwer. 

Was hat dir geholfen? 

Alexandra: Vor allem Gespräche. Die Krebsberatungsstelle war für mich enorm wichtig. Ich hatte dort jemanden, mit dem ich über alles sprechen konnte: über meine Kinder, meine Ängste, meine finanzielle Situation und die Frage, wie es beruflich weitergehen soll. Später habe ich auch andere betroffene Frauen kennengelernt und eine Selbsthilfegruppe besucht. Das ist noch einmal etwas anderes. Menschen, die selbst eine Krebserkrankung erlebt haben, verstehen manche Dinge, ohne dass man lange erklären muss. Das hat mir sehr gutgetan. 

Die Bestrahlung

Nach der Chemotherapie folgte die Bestrahlung. Wie hast du diese erlebt?

Alexandra: Zunächst wurde alles ganz genau ausgemessen. Man liegt auf diesem Tisch und es wird millimetergenau festgelegt, wie bestrahlt werden soll. Da meine linke Brust betroffen war, sollte bei mir möglichst herzschonend bestrahlt werden. Ich bekam dafür eine Art Atemsystem mit Schläuchen beziehungsweise einer Vorrichtung und einer Brille. Ich musste sehr tief einatmen und die Luft anhalten. Dadurch verändert sich die Lage im Brustkorb, sodass während dieser Atemphase bestrahlt werden konnte. Das funktionierte bei mir sehr gut. Ich habe viele Jahre Yoga gemacht und kannte Atemübungen. Die Mitarbeitenden fragten irgendwann sogar, ob ich Taucherin sei, weil ich so lange die Luft anhalten konnte. Da musste ich lachen und sagte: Nein, Yoga. Manchmal kommen einem Dinge zugute, von denen man vorher gar nicht gedacht hätte, dass man sie einmal braucht. 

Hast du bei der Bestrahlung auch wieder mit inneren Bildern gearbeitet? 

Alexandra: Ja. So wie ich mir bei der Chemotherapie vorgestellt hatte, dass alles aus meinem Körper gespült wird, habe ich mir bei der Bestrahlung vorgestellt, dass eine Art Sonne oder Licht durch meinen Körper geht und alles zerstört, was dort nicht hingehört. Dabei habe ich gebetet. Das war meine persönliche Art, mir Kraft zu geben. Ich bekam zunächst 28 Bestrahlungen und anschließend noch zusätzliche, sodass es am Ende 34 waren. Meine Haut hat das erstaunlich gut vertragen. Ich hatte gesehen, dass andere Frauen teilweise sehr wunde Haut hatten. Bei mir war die Brust zwar gerötet, aber insgesamt hatte ich damit großes Glück. 

Du hast du der Zeit am Empfang einer Klinik gearbeitet – hat dir das geholfen, alles Medizinische zu verstehen? 

Alexandra: Manchmal ja, manchmal nein. Ein Arztbrief hat mich zum Beispiel richtig verunsichert: Dort stand eine Formulierung wie „zum Erhalt der Lebensdauer“ beziehungsweise „Lebensqualität“. Als ich das gelesen habe, dachte ich sofort: Oh Gott. Die haben etwas gesehen. Ich sterbe. Ich habe diese Worte völlig anders interpretiert, als sie medizinisch gemeint waren. Eine ganze Woche lang hat mich das beschäftigt und wahnsinnig viel Kraft gekostet. Beim nächsten Termin habe ich endlich gefragt. Und dann sagte der Arzt sinngemäß: „Das schreiben wir so.“ Da fiel eine riesige Last von mir ab. Das zeigt für mich, wie wichtig es ist, nachzufragen. Wenn man etwas liest oder hört und nicht versteht: fragen. Nicht eine Woche lang alleine damit herumlaufen wie ich. 
 

Eine Komplikation mit dem Port. 

Gab es irgendwelche Komplikationen bei deiner Behandlung? 

Alexandra: Ja, nach der Chemotherapie: Der Port gehörte irgendwann fast zu mir. Diese kleine Erhöhung unter der Haut war so vertraut geworden. Ich wollte ihn deshalb eigentlich noch eine Weile behalten. Nach der letzten Chemotherapie fing mein Körper aber an, darauf zu reagieren. Die Stelle wurde rot, entzündete sich und eiterte. Es fiel mir schwer, ihn loszulassen zu lassen. Ich hatte Angst und dachte: Was ist, wenn ich ihn noch einmal brauche? Deshalb haben wir zunächst versucht, die Entzündung zu behandeln. Irgendwann sagte auch meine Mutter: Lass ihn rausmachen, bevor sich die Infektion weiter ausbreitet. Schließlich wurde er operativ entfernt und die Wunde gereinigt. Auch solche Dinge summieren sich: Operation an der Brust, Port legen, Port wieder entfernen, weitere Eingriffe – immer wieder Narkosen. Das geht nicht spurlos am Körper vorbei. Irgendwann war ich einfach völlig erschöpft. 

Genetische Untersuchung

Während deiner Behandlung wurde aufgrund deiner Familiengeschichte auch eine humangenetische Untersuchung empfohlen. Wie kam es dazu?

Alexandra: Bei den Gesprächen zur Chemotherapie wurde natürlich auch meine Familiengeschichte aufgenommen. Es gab mehrere Krebserkrankungen und daher hat mein Arzt mich zur Humangenetik nach Würzburg geschickt. Er fragte mich vorher, ob ich überhaupt wissen möchte, ob es eine erbliche beziehungsweise genetische Ursache geben könnte. Für mich war klar: Ja. Ich habe zwei Kinder. Ich wollte es wissen. 

Wie lief die Untersuchung ab? 

Alexandra: Es wurde eine sehr ausführliche Familienanamnese gemacht. Man versucht, so genau wie möglich zusammenzutragen, wer in der Familie welche Erkrankung hatte und in welchem Alter. Das war gar nicht so einfach. Man muss plötzlich Dinge über Verwandte wissen, über die man im Alltag nie nachdenkt. Dann wurde Blut abgenommen. Später wollte man noch weitere Proben beziehungsweise Untersuchungen innerhalb der Familie. Meine Mutter und mein Bruder wurden ebenfalls untersucht. Nach einigen Wochen hatten wir ein Familiengespräch. Meine Mutter hatte die entsprechende Veränderung nicht, mein Bruder ebenfalls nicht. Bei mir wurde jedoch eine ATM-Mutation festgestellt. 

Was hat diese Information zunächst mit dir gemacht? 

Alexandra: Vor allem Angst. Mein erster Gedanke war: Dann bekomme ich bestimmt wieder Krebs. Das war sofort in meinem Kopf. Ich musste erst lernen, mit diesem Wissen umzugehen. In der genetischen Beratung wurde mit mir besprochen, was diese Mutation für meine persönliche Vorsorge und Nachsorge bedeutet und welche Untersuchungen sinnvoll sind. Seitdem werde ich engmaschig kontrolliert. Diese Kontrollen geben mir Sicherheit. 

Reha

Nach den Akutbehandlungen bist du für vier Wochen zur Reha gefahren. Wie war diese Zeit?

Alexandra: Grundsätzlich war die Reha wirklich gut. Es gab Lymphdrainage, Psychoonkologie, Sport und viele Angebote speziell für Brustkrebspatientinnen. Körperlich hat mir das sehr geholfen. Emotional war diese Zeit trotzdem intensiv. Ich habe dort viel geweint. 

Warum kamen die Gefühle gerade dort so stark hoch? 

Alexandra: Wenn man monatelang nur funktioniert und von einem Termin zum nächsten geht, kommen irgendwann auch die Gedanken, für die vorher gar kein Platz war. Wie geht es finanziell weiter? Kann ich wieder arbeiten? Was passiert, wenn ich nicht mehr leistungsfähig bin? Wie geht es mit meinen Kindern weiter? Was passiert, wenn ich doch sterbe? 

Wie ging es dir mit dem Wiedereinstieg in deinen Beruf? 

Alexandra: Das hat mir große Angst gemacht. Ich habe mir selbst enormen Druck gemacht. Ich dachte: Wenn ich aus der Reha zurückkomme, muss ich doch wieder arbeiten. Gleichzeitig wusste ich überhaupt nicht, ob ich das schon kann. Mein Kopf fühlte sich teilweise an wie Watte. Ich konnte mir Dinge schlecht merken. Manchmal musste man mir etwas mehrfach sagen und ich dachte: Was ist denn mit mir los? Erst als ich mit anderen Frauen sprach, die Ähnliches erlebt hatten, wurde ich etwas ruhiger. Ich merkte: Das kann nach diesen ganzen Therapien vorkommen. 

Welche Rolle spielte dein Arbeitgeber in dieser Phase? 

Alexandra: Eine sehr große. Er sagte sinngemäß: „Erholen Sie sich. Wenn Sie wieder fit sind, kommen Sie zurück. Ihr Platz ist hier.“ Das war für mich riesig. Ich musste nicht gleichzeitig gegen die Erkrankung kämpfen und Angst haben, meinen Arbeitsplatz zu verlieren. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese Unterstützung alles genauso geschafft hätte. 

Antihormonelle Therapie und ein erneuter Eingriff

Nach Operation, Chemotherapie und Bestrahlung war die Behandlung noch nicht beendet. Wie ging es weiter?

Alexandra: Bei mir schloss sich eine antihormonelle Behandlung an. Damit ging es mir allerdings nicht besonders gut. Ich konnte nachts schlecht schlafen, hatte starke Schweißausbrüche und fühlte mich insgesamt nicht wohl. Außerdem hatte ich mich während der Reha intensiv mit dem Thema Eierstockkrebs beschäftigt. Ich hatte dort Frauen kennengelernt, die gynäkologische Krebserkrankungen erlebt hatten. Gleichzeitig beschäftigte mich das Thema auch vor dem Hintergrund einer später festgestellten genetischen Veränderung immer stärker. Irgendwann stand für mich fest: Ich möchte dieses Risiko für mich so weit wie möglich reduzieren und die Eierstöcke beziehungsweise die entsprechenden Organe entfernen lassen. Meine Familienplanung war abgeschlossen. 

Wie haben deine behandelnden Ärzte reagiert? 

Alexandra: Sie waren sehr zurückhaltend. Mein Arzt warnte, noch weitere Operationen auf mich zu nehmen. Aber ich war hartnäckig. Ich sagte: Ich möchte jetzt durch diese ganze Phase durchgehen. Ich wollte nicht erst wieder arbeiten und dann kurze Zeit später erneut für eine Operation ausfallen. Für mich war es wieder dieses Gefühl: Augen zu und durch. Also wurde der Eingriff geplant. 

Wie ging es dir danach? 

Alexandra: Ich bin abrupt in die Wechseljahre gekommen, von einem Tag auf den anderen. Das hat mich psychisch und körperlich sehr getroffen. Ich wachte nach der Operation auf und musste ständig weinen. Ich wusste überhaupt nicht, warum. Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen, dass der Eingriff vorbei war. Aber ich war unglaublich traurig. Ich dachte: Was ist denn jetzt mit mir los? Ich kannte mich so nicht. Ich war eigentlich immer ein positiver, fröhlicher Mensch. Diese Stimmungsschwankungen und die tiefe Traurigkeit waren für mich sehr belastend. Daraufhin wurde meine Behandlung angepasst und ich bekam auch medikamentöse Unterstützung für die Psyche. Das hat mir geholfen. Für mich war wichtig zu akzeptieren: Wenn ich Unterstützung brauche, dann nehme ich sie an. 

Nachsorge und die Angst vor jedem Zwicken

Hat die genetische Diagnose deine Angst vor einem Rückfall verstärkt?

Alexandra: Am Anfang sehr. Wenn irgendetwas in meiner Brust zog oder sich anders anfühlte, dachte ich sofort: Da ist wieder etwas. Dabei war das Gewebe natürlich durch Operation und Bestrahlung verändert. Es arbeitet, es zieht, Narben verändern sich. Trotzdem war ich sehr schnell beunruhigt. Ich habe anfangs häufig in der Praxis angerufen und gesagt: Ich spüre da etwas. Und ich hatte großes Glück, dass meine Ärzte das ernst genommen haben. Sie sagten: Dann kommen Sie vorbei und wir schauen nach. Das hat mir Sicherheit gegeben. Bis heute brauche ich diese Kontrollen. 

Wie empfindest du deine Nachsorgetermine heute? 

Alexandra: Ich freue mich tatsächlich darauf. Natürlich gehe ich mit Respekt hinein. Aber ich habe keine Angst vor der Untersuchung an sich. Im Gegenteil: Wenn ich danach herauskomme und weiß, dass aktuell alles unauffällig ist, geht es mir gut. Das gibt mir Sicherheit. Ich gehe regelmäßig zur internistischen Kontrolle, zur Blutabnahme und zu weiteren Untersuchungen. Aufgrund meiner genetischen Situation bekomme ich zusätzlich regelmäßige MRT-Untersuchungen der Brust. Und ich bin froh darüber. 

Gibt es eine Erinnerung aus der Nachsorge, über die du heute lachen kannst? 

Alexandra: Ja. Ich erinnere mich noch an mein erstes Brust-MRT. Danach wurde mir das Ergebnis erklärt und der Arzt sagte als Erstes zu mir: „Sie haben eine wunderschöne Brust.“ Da dachte ich: Na, wenn das schon einmal passt! So etwas bleibt einem im Gedächtnis.

 

Wenn die Therapie plötzlich vorbei ist

Und dann war es geschafft – wie ging es dir damit?

Alexandra: Das war gar nicht so einfach und das hat mich selbst überrascht. Monatelang besteht dein gesamter Alltag aus medizinischen Terminen: Chemotherapie, Blutabnahme, Arztgespräch, Bestrahlung, Kontrolle, wieder Untersuchung. Du hast einen Plan. So belastend das ist: Dieser Plan gibt einem auch Halt. Dann ist die Behandlung plötzlich vorbei und jemand sagt sinngemäß: „Jetzt sehen wir uns erst wieder in einigen Monaten.“ Da habe ich Rotz und Wasser geheult. Ich dachte: Wie? Ich komme jetzt nicht mehr jede Woche hierher? Diese ständige medizinische Begleitung hatte mir Sicherheit gegeben. Und plötzlich war sie weg. 

Damit bist du nicht allein. So geht es vielen Krebspatientinnen. 

Alexandra: Ja. Bei der Krebsberatungsstelle habe ich darüber gesprochen. Dort wurde mir gesagt, dass viele Frauen diesen Übergang schwierig finden. Das hat mir geholfen. Ich dachte vorher: Warum kann ich mich nicht einfach freuen? Die Behandlung ist vorbei! Aber emotional ist es komplexer. Während der Therapie bist du ständig in Aktion. Danach musst du lernen, wieder selbst Verantwortung zu übernehmen, auf deinen Körper zu achten und mit größeren Abständen zwischen den Kontrollen klarzukommen. Das war noch einmal ein ganz eigener Schritt.

 
Selbsthilfe und Austausch mit anderen Betroffenen 

Welche Rolle spielte der Austausch mit anderen Frauen für dich? 

Alexandra: Eine große. Ich war in den ersten Jahren in einer Selbsthilfegruppe in Würzburg. Das war eine richtig tolle Gruppe. Der Weg dorthin wurde für mich irgendwann etwas aufwendig, besonders als ich wieder arbeitete. Aber ich bin bis heute mit der Gruppe verbunden und bekomme mit, was angeboten wird. Es gibt dort ganz unterschiedliche Aktivitäten. Im vergangenen Jahr habe ich beispielsweise einen Kräuterkurs mitgemacht. Gerade am Anfang waren für mich aber die Gespräche besonders wichtig. Menschen zu treffen, die dasselbe erlebt haben, ist etwas anderes. Sie verstehen Dinge, bei denen andere vielleicht sagen würden: „Ach, das wird schon.“ 

Welche praktischen Tipps hast du aus dem Austausch mit anderen Patientinnen? 

Alexandra: Viele! Zum Beispiel trug ich nach meiner Operation zunächst wieder meine normalen Bügel-BHs. Meine Narbe war immer gerötet und ich verstand gar nicht, warum. Dann sagte jemand sinngemäß zu mir: „Du hast doch genau dort deine Narbe und der Bügel drückt darauf.“ Da dachte ich: Ach Gott, stimmt. Darauf wäre ich selbst überhaupt nicht gekommen. Ich habe mich beraten lassen, andere BHs gekauft und danach wurde es deutlich besser. Das sind praktische Dinge, die andere Betroffene aus eigener Erfahrung kennen. 

Lymphbeschwerden und ein Körper, der Grenzen setzt

Hast du heute noch Beschwerden?

Alexandra: Ja. Durch die Entfernung von Lymphknoten habe ich Beschwerden im Arm und bekomme deshalb regelmäßig Lymphdrainage, ungefähr einmal pro Woche. Ich habe außerdem Übungen kennengelernt, die ich teilweise selbst machen kann. Heute findet man auch gute Bewegungsangebote für zu Hause. Trotzdem muss ich immer wieder lernen, meine Grenzen zu respektieren.

Fällt dir das bis heute schwer? 

Alexandra: Ja, weil ich dazu neige, Dinge einfach selbst zu machen. Wasserkisten tragen. Einen Teppich herausreißen. Irgendetwas Schweres bewegen. Und danach merke ich: Das war wieder zu viel. Dann zieht der Arm oder die Region meldet sich. Mein Körper sagt mir ziemlich deutlich: Mach langsamer. Auch das musste ich lernen.

 

Früherkennung und Brustselbstwahrnehmung heute

 

Wenn du ehrlich zurückblickst: Hast du deine Brust vor deiner Erkrankung regelmäßig selbst abgetastet?

Alexandra: Nein. Nicht systematisch. Vielleicht habe ich beim Duschen oder Abtrocknen einmal darübergestrichen. Aber ich habe meine Brust nicht wirklich bewusst abgetastet. Ich hatte irgendwie die Vorstellung: Mein Vater hatte Krebs – dann kommt so etwas doch nicht auch noch einmal in unserer Familie. Das war natürlich keine logische Schlussfolgerung, aber so denkt man manchmal. Und bei Brustkrebs dachte ich erst recht nicht, dass es mich trifft. 

Dein Tumor ist dir letztlich wegen eines Stechens aufgefallen. 

Alexandra: Ja. Und wenn ich dieses Stechen nicht gehabt hätte, weiß ich nicht, wann ich den Knoten bemerkt hätte. Als ich bewusst tastete, war da bereits ein deutlich harter Bereich. Im Nachhinein habe ich natürlich gedacht: Wenn du regelmäßiger bewusst getastet hättest, wäre dir vielleicht früher aufgefallen, dass sich dort etwas verändert. Deshalb hat sich mein Umgang damit nach der Erkrankung komplett verändert. 

 

Das heißt du tastest dich jetzt regelmäßig ab? 

Alexandra: Ja. Ich habe sogar einen Kurs zur Brustselbstuntersuchung beziehungsweise Brustselbstwahrnehmung besucht. Nachdem meine Brust nach der Behandlung wieder so weit verheilt war, dass Berührungen gut möglich waren, habe ich einen Kurs gemacht. Das fand ich richtig gut. In einem geschützten Raum wurde Schritt für Schritt erklärt, wie man die eigene Brust systematisch kennenlernt und abtastet. Man liegt dabei in Ruhe auf einer Matte oder Liege und konzentriert sich nur auf sich selbst. Es wird gezeigt, wie man die gesamte Brust Stück für Stück ertastet und worauf man achten kann. Es gab auch Modelle, an denen Veränderungen ertastet werden konnten. Das nimmt einem Unsicherheit. Seitdem mache ich das regelmäßig. Nicht aus Panik, sondern weil ich meinen Körper kennen möchte. Ich weiß besser, was sich bei mir normalerweise wie anfühlt. Und wenn sich etwas verändert, kann ich reagieren. 

Was würdest du anderen Frauen dazu sagen? 

Alexandra: Beschäftigt euch mit eurem Körper. Nutzt die Angebote, die es gibt. Und wenn euch etwas auffällt oder sich etwas verändert, lasst es ärztlich abklären. Ich selbst gehe heute sehr regelmäßig zu meinen Untersuchungen, auch weil meine persönliche medizinische Situation eine andere ist als die einer Frau ohne Brustkrebsvorgeschichte. Aber unabhängig davon finde ich es wichtig, den eigenen Körper überhaupt wahrzunehmen.

Finanzielle Sorgen während einer Erkrankung

Ein Thema, über das wenig gesprochen wird, sind finanzielle Belastungen. Wie bist du durch diese Krankheitsjahre gekommen?

Alexandra: Ja. Und das ist ein wichtiges Thema. Wenn du lange krank bist, verändert sich auch deine finanzielle Situation. Ich war alleinerziehend und bekam irgendwann Krankengeld. Aber die laufenden Kosten bleiben. Deine Kinder brauchen weiterhin Dinge für die Schule. Die Wohnung kostet weiter Geld. Du hast Fahrten zu Untersuchungen und Therapien. Bei Taxifahrten oder Medikamenten können Zuzahlungen entstehen. Gleichzeitig arbeitest du nicht normal weiter. 

Wie bist du damals damit umgegangen? 

Alexandra: Ich habe wirklich sehr auf mein Geld geachtet. Ich habe Angebote gekauft und teilweise Lebensmittel genommen, die reduziert waren. Kleidung habe ich mir lange kaum gekauft. Nicht weil ich mir nichts gönnen wollte, sondern weil ich nicht wusste: Kann ich wieder arbeiten? Wie wird es weitergehen? Diese Unsicherheit gehört ebenfalls zur Erkrankung. 

Über die Krebsberatungsstelle hast du von Unterstützungsmöglichkeiten erfahren?

Alexandra: Ja. Und das wissen viele Betroffene gar nicht. Die Mitarbeiterin dort sagte mir, dass es Stiftungen gibt, die Menschen in finanziellen Notsituationen unterstützen können. Sie nannte mir verschiedene Möglichkeiten, unter anderem die Franz-Beckenbauer-Stiftung und die Marianne-Strauß-Stiftung. Man muss natürlich seine finanzielle Situation offenlegen und Unterlagen einreichen. Ich dachte damals: Selbst wenn ich nur 100 Euro Unterstützung bekomme, hilft mir das. Am Ende habe ich tatsächlich finanzielle Hilfen erhalten. Das war eine enorme Entlastung. Deshalb erzähle ich das heute auch anderen Betroffenen. Man muss sich nicht schämen, nachzufragen. Wenn man durch eine Erkrankung finanziell in Schwierigkeiten gerät, gibt es Beratungsstellen, die wissen, welche Unterstützungsmöglichkeiten infrage kommen können. 

Partnerschaft, Nähe und Sexualität

Wenn du offen dafür bist, würden wir gerne über ein weiteres Tabuthema sprechen: Sexualität.

Alexandra: Na klar, das gehört doch auch dazu. Wenn du eine Chemotherapie bekommst und dir körperlich so schlecht geht, ist Sexualität teilweise wirklich das Letzte, woran du denkst. Der Körper ist erschöpft. Man fühlt sich nicht attraktiv. Die Haare fehlen. Die Haut verändert sich. Die Brust wurde operiert. Man ist ständig medizinischen Untersuchungen ausgesetzt. Da entsteht nicht automatisch Lust auf körperliche Nähe. 

Was bedeutet Nähe in so einer Phase? 

Alexandra: Nähe kann ganz anders aussehen. Eine Umarmung. Eine Freundin, die sich neben dich setzt. Jemand, der einfach da ist. Und wenn man einen Partner hat, braucht es wahrscheinlich sehr viel Verständnis. Ich war damals Anfang 40, also eigentlich mitten im Leben. Das macht dieses Thema nicht weniger wichtig. Ich glaube, darüber könnte man sogar ein ganz eigenes Gespräch führen. 

Kleine Rituale der Selbstfürsorge

Was hast du während deiner Erkrankung ganz konkret für dich getan?

Alexandra: Ich habe gelernt, mir kleine Dinge zu gönnen. Wenn es mir einigermaßen gut ging, habe ich zum Beispiel ein Bad genommen. Ich habe mir einen Tee hingestellt, eine Duftkerze angemacht. Und irgendwann habe ich mir eine richtig schöne Bodylotion gekauft. Die war für meine Verhältnisse teuer, vielleicht um die 30 Euro. Und ich dachte: Jetzt bekommt mein Körper etwas Gutes. Dann habe ich mich damit eingecremt und diesen Duft genossen. Das wurde ein richtiges kleines Ritual: einmal in der Woche baden, etwas Schönes für den Körper, ein guter Duft. Das sind keine großen Dinge. Aber genau das ist der Punkt. Selbstfürsorge muss nicht groß sein. Man kann sich auch mit kleinen Dingen Freude machen. 

War das vor deiner Erkrankung anders? 

Alexandra: Ja. Vorher war ich ständig für andere da. Hier helfen. Dort etwas organisieren. Noch schnell dieses Fest. Noch schnell jene Aufgabe. Ich bin oft über meine eigenen Kräfte gegangen und habe es überhaupt nicht gemerkt. Heute helfe ich immer noch gerne. Das gehört zu mir. Aber ich versuche früher zu merken, wenn es zu viel wird. Ich frage mich häufiger: Was tut mir gut? Was tut mir gerade nicht gut? Und ich nehme meinen Körper ernster.

Der Glaube als Kraftquelle

Dein Glaube hat dich durch die gesamte Erkrankung begleitet. Wie hat dir das geholfen?

Alexandra: Ich habe während der Chemotherapie gebetet. Während der Bestrahlung. Vor Untersuchungen. Ich habe immer wieder nach oben gesagt: Bitte schick mir gute Ärzte. Gute Therapeutinnen und Therapeuten. Menschen, die Verständnis für mich haben. Und ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich sehr viel Glück mit den Menschen hatte, die mich begleitet haben. Mein Glaube hat mir Halt gegeben. 

Das Gebet war sozusagen dein ständiger Begleiter?

Alexandra: Mein Vater war nach seiner Diagnose mit Bauchspeicheldrüsenkrebs auf Wallfahrt nach Altötting gefahren. Für ihn war es ein Ort, an dem er Kraft für seinen letzten Weg gesucht hat. Und irgendwann dachte ich: Wenn mein Papa dort Kraft gesucht hat, dann möchte ich diesen Ort auch besuchen. Ich sagte zu meiner Mutter: „Du fährst mit mir nach Altötting.“ Wir sind hingefahren. Als ich dort in der Kapelle stand, liefen mir einfach die Tränen. Nicht aus Verzweiflung. Es war eine unglaubliche Dankbarkeit und Leichtigkeit. Ich hatte das Gefühl: Hier kann ich etwas ablegen. Und als ich dort wieder hinausging, hatte ich plötzlich dieses Gefühl: Es wird gut. Ich weiß nicht, warum. Aber ich dachte: Du kommst da durch. Seitdem komme ich jedes Jahr an meinem Geburtstag nach Altötting – solange ich lebe und solange ich kann. Es ist mein persönlicher Dankbarkeitstag geworden.

Leben zehn Jahre später

Du bist heute 52. Wie blickst du auf dein Leben seit der Erkrankung?Du bist heute 52. Wie blickst du auf dein Leben seit der Erkrankung?

Alexandra: Mit sehr großer Dankbarkeit. Mir ist damals bewusst geworden, wie schnell sich alles verändern kann. Du kannst morgens glücklich sein und ein paar Stunden später sieht dein gesamtes Leben anders aus. Deshalb freue ich mich heute über Dinge, die für andere vielleicht banal klingen. Ich freue mich, dass ich arbeiten kann. Dass ich laufen kann. Dass ich meinen Alltag machen kann. Ich sage manchmal sogar: Ich putze mit Freude. Weil ich es kann. Es gab eine Zeit, in der überhaupt nicht klar war, wie mein Leben weitergeht. Das verändert den Blick. 

Bist du dadurch auch gelassener geworden? 

Alexandra: Ich sehe vieles nicht mehr so verbissen. Natürlich gibt es Dinge, die wichtig sind. Aber bei vielen Kleinigkeiten denke ich heute: Darüber mache ich mir jetzt keinen Kopf. Du hast nicht alles in der Hand. Das musste ich lernen. Man kann auf sich achten. Man kann Untersuchungen wahrnehmen. Man kann medizinische Empfehlungen mit seinen Ärztinnen und Ärzten besprechen. Man kann versuchen, gut mit sich umzugehen. Aber man kann das Leben nicht vollständig kontrollieren. Diese Erkenntnis hat mich gelassener gemacht. 

Was Alex anderen Betroffenen mitgeben möchte

Wenn heute eine Frau vor dir sitzen würde, die gerade die Diagnose Brustkrebs bekommen hat: Was würdest du ihr sagen?

Alexandra: Such dir Ärztinnen und Ärzte, denen du vertraust und bei denen du dich gut aufgehoben fühlst. Und frag. Frag alles, was dir auf dem Herzen liegt. Wenn du dieselbe Frage fünfmal stellen musst, dann stell sie fünfmal. Man befindet sich in einer Ausnahmesituation. Man kann sich nicht alles merken. Und ich finde, man braucht auch ein Stück Vertrauen. Vertrauen in die Menschen, die einen behandeln. Vertrauen in die Therapie. Vertrauen in den eigenen Körper. Ich hätte vorher niemals gedacht, was ein Körper alles aushalten kann. Mein Körper hat Operationen, Chemotherapie, Bestrahlungen und so vieles mehr geschafft. Das hat mein Verhältnis zu meinem Körper verändert. 

Und außerhalb der Medizin? 

Alexandra: Hol dir Menschen an deine Seite, die dir guttun. Und lass andere auch einmal los. Man braucht in dieser Zeit nicht noch zusätzliche Belastungen. Such dir jemanden, mit dem du reden kannst: eine Freundin, eine Beratungsstelle, eine Selbsthilfegruppe, eine Psychoonkologin oder einen Psychoonkologen. Was auch immer für dich passt. Nicht jeder braucht dasselbe. Man darf Dinge ausprobieren und dann auch sagen: Nein, das ist nichts für mich. Wichtig ist die Frage: Was tut mir gut? 

Du hast gesagt, du seist stärker aus der Erkrankung herausgegangen, als du hineingegangen bist. Was meinst du damit? 

Alexandra: Das kann ich für mich so sagen. Der Weg war schwer. Es gab sehr viele Momente, in denen ich Angst hatte. Tage, an denen es mir körperlich schlecht ging. Situationen, in denen ich dachte, ich kann nicht mehr. Aber ich bin stärker geworden. 
Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen. 
Ich habe gelernt, meinen Körper wahrzunehmen. 
Ich habe gelernt, mich selbst wichtiger zu nehmen. 
Ich habe gelernt, dass ich nicht alles kontrollieren kann. 
Und ich habe gelernt, wie viel ein ganz normaler Tag wert sein kann. 
 

Wenn ich etwas weitergeben möchte, dann vielleicht das: 

Man muss nicht den gesamten Weg auf einmal schaffen. Man geht einen Schritt. Und dann den nächsten. Und irgendwann blickt man zurück und sieht, wie weit man gekommen ist.